Kunstharzputze sind mineralische Putze mit organischen Bindemitteln und werden in der ÖNORM EN 15824 – in Deutschland als DIN EN 15824 geführt – normiert. Die Norm definiert Körnungsklassen, Strukturbeschichtungen und bauphysikalische Kennwerte für Außen- und Innenputze auf organischer Basis. Fünf Bindemittel-Systeme stehen zur Auswahl: Mineralputz ohne organischen Anteil, Silikatputz auf Kaliumsilikat-Basis mit geringem Kunststoffanteil, Silikonharzputz als hoch diffusionsoffene Silikonharz-Dispersion, reiner Kunstharzputz als Vollkunststoff-Dispersion sowie Hybridputz als Mischsystem. Entscheidend für die Materialwahl ist der sd-Wert nach DIN 4108: Mineralputze liegen unter 0,1 Meter und gelten als hochdiffusionsoffen, reine Kunstharzputze erreichen dagegen 0,5 bis 2,0 Meter. Die Lebensdauer der Systeme wird mit 25 bis 40 Jahren angegeben.

Für Planer und Fassadenhandwerker entscheidet diese Einordnung, in welcher Beanspruchungsgruppe ein Putzsystem eingesetzt werden darf und wie Verarbeitung sowie Lebensdauer von Bindemitteltyp und Körnung abhängen.

Wie unterscheiden sich Kunstharzputze von mineralischen Putzen?

Kunstharzputze basieren auf Polymerdispersionen – überwiegend Styrol-Acrylat-, Reinacrylat- oder Silikonharz-Dispersionen – als Bindemittel. Im Unterschied zu rein mineralischem Mörtel wie Kalk- oder Zementputz nach DIN EN 998-1 enthalten sie keine hydraulischen oder lufthärtenden Bestandteile. Sie härten nicht chemisch, sondern trocknen physikalisch durch Wasserverdunstung und Filmbildung. Der Systemaufbau bleibt dreilagig: Unterputz zur Lastverteilung, Armierungsgewebe zur Rissüberbrückung und Oberputz als sichtbare Endschicht mit Struktur und Farbe.

Nach DIN EN 15824 muss ein Fassadenputz sechs Funktionen erfüllen:

  • Mechanischer Schutz der tragenden Wand gegen Stoßbeanspruchung
  • Witterungs- und Schlagregenschutz nach DIN 4108-3 in den Beanspruchungsgruppen I bis III
  • Diffusionssteuerung des Wasserdampfes von innen nach außen
  • Ästhetik durch Farbe und Struktur
  • Brandschutz
  • Algen- und Pilzresistenz

Die Norm gilt parallel zu DIN EN 998-1 für mineralische Werkmörtel und grenzt organisch gebundene Systeme davon klar ab.

Welche Eigenschaften haben die fünf Bindemittelsysteme?

Reine Kunstharzputze zeigen die höchste Elastizität und geringste Rissneigung im Vergleich der Systeme, benötigen in schattigen Lagen aber häufigere Algizid-Behandlung. Silikonharzputze verbinden Diffusionsoffenheit mit Wasserabweisung und werden vor allem in Regionen mit hoher Schlagregenbeanspruchung eingesetzt. Laut SAKRET-Lexikon sind Kunstharzputze – auch als Dispersionsputz bezeichnet – hoch wasserabweisend, besitzen im Vergleich zu Mineralputzen aber eine schlechtere Wasserdampfdiffusion. Dafür trocknen sie schnell und sind aufgrund ihrer Elastizität widerstandsfähiger gegen mechanische Einwirkungen als mineralische Putze, was sie für den Außenbereich prädestiniert.

Welche Körnungsklassen und Strukturen gibt es?

Die ÖNORM EN 15824 unterscheidet Körnungsklassen nach Zuschlagstoff-Korngröße. Die Körnung bestimmt direkt die Schichtdicke des Oberputzes: Bei 2 Millimeter Körnung ergibt sich eine Schichtdicke von 2 bis 5 Millimeter. Am Markt dominieren folgende Strukturen:

  • Reibeputz (Körnung 2 bis 3 Millimeter, mit Reibekelle kreisförmig aufgetragen) – 42 Prozent Marktanteil
  • Scheibenputz (mit Glättkelle abgezogen) – 28 Prozent Marktanteil
  • Kratzputz (mit Nagelbrett aufgeraut) – 17 Prozent Marktanteil
  • Weitere Varianten: Buntsteinputz, Münchner Putz, Filzputz, Rollputz

Feinere Körnungen neigen zu schnellerer Anschmutzung, gröbere Strukturen verbergen Verschmutzung länger – ein Kriterium, das bei der Produktauswahl neben der reinen Optik berücksichtigt werden sollte.

Was kostet Kunstharzputz pro Quadratmeter?

Die Materialpreise für Kunstharzputz bewegen sich zwischen 15 und 40 Euro pro Quadratmeter, abhängig von Bindemitteltyp, Körnung und Hersteller.

Verarbeitungshinweise aus der Praxis

Am Beispiel eines verarbeitungsfertigen Reibeputzes zeigt sich der typische Ablauf: Der Untergrund muss vor dem Auftrag frei von Pilzbefall, Ausblühungen, Verfärbungen und Verschmutzungen sein, schmutzempfindliche Bauteile werden abgeklebt. Die Masse wird mit einem langsam laufenden Rührgerät aufgerührt, vollflächig mit der Edelstahlglättkelle aufgezogen und mit der Kunststoffkelle waagerecht oder senkrecht abgescheibt. In der Nachbehandlung ist direkte Sonneneinstrahlung, Zugluft sowie Temperaturen über 25 °C und unter 5 °C zu vermeiden, große Fensterflächen sollten zum Schutz vor zu schnellem Austrocknen abgehängt werden.

Für die Abgrenzung zu rein mineralischen Systemen und zur Frage der passenden Beschichtung lohnt auch der Blick auf Silikatfarben vs. Silikonharzfarben, da beide Themen denselben Diffusions-Zielkonflikt zwischen Wasserabweisung und sd-Wert behandeln. Ergänzend bietet das Themenportal Energetische Sanierung Hintergrund zu bauphysikalischen Anforderungen an die Gebäudehülle.