Am 22. September 2026 hat Deutschland dem UN-Hochseeschutzabkommen (BBNJ) beigetreten. Bundesumweltminister Carsten Schneider hinterlegte die Ratifizierungsurkunde bei den Vereinten Nationen in New York. Insgesamt haben 94 Staaten – darunter China, zahlreiche kleine Inselstaaten, viele EU-Staaten sowie die EU selbst – das Abkommen ratifiziert. Für die Baustoffbranche ist das Vertragswerk relevant, weil es die Hohe See unter verbindliche Umweltregeln stellt und erstmals die Ausweisung von Schutzgebieten in Meeresgebieten jenseits nationaler Zuständigkeit erlaubt. Diese Gebiete machen rund die Hälfte der Erdoberfläche aus und bilden das größte zusammenhängende Ökosystem der Erde.
Ab dem 21. Oktober 2026 gelten das UN-Hochseeschutzabkommen sowie das im Frühjahr 2026 vom Bundestag verabschiedete Hochseeschutzgesetz (HochseeSchG) verbindlich für deutsche Akteure – einschließlich Schiffe unter deutscher Flagge und Forschungseinrichtungen. Noch ist unklar, wie rasch konkrete Schutzgebiete ausgewiesen werden und welche wirtschaftlichen Aktivitäten in diesen Zonen künftig eingeschränkt sein werden. Die erste Vertragsstaatenkonferenz, die sogenannte Ozean-COP, findet im Januar 2027 in New York statt. Dort werden wissenschaftliche Gremien eingesetzt und der Sitz des BBNJ-Sekretariats gewählt; Deutschland wird als Vertragspartei stimmberechtigt mitverhandeln.
Mögliche Folgen für Tiefseebergbau und marine Rohstoffgewinnung
Das BBNJ-Abkommen bietet erstmalig die Möglichkeit, Schutzgebiete auf der Hohen See auszuweisen. Durch Ausschluss bestimmter Nutzungen können sich marine Säugetiere zurückziehen und Fischbestände erholen. Bundesumweltminister Schneider sagte dazu:
"Die Hohe See ist ein Paradebeispiel dafür: Sie gehört keinem Staat allein, sondern ist ein Erbe der gesamten Mehrheit. Nur gesunde Meere können uns Menschen mit Sauerstoff und Nahrung versorgen."
— Carsten Schneider, Bundesumweltminister
Für den Baustoffsektor könnten die neuen Schutzgebiete langfristig Einfluss auf die Gewinnung mineralischer Rohstoffe aus dem Meeresboden haben. Manganknollen, Kobaltkrusten und sulfidische Erze aus der Tiefsee gelten als potenzielle Quellen für Metalle, die auch in bauchemischen Produkten und Speziallegierungen zum Einsatz kommen. Bislang ist der kommerzielle Abbau solcher Ressourcen nicht im industriellen Maßstab angelaufen; Forschungsprojekte und Probebohrungen laufen jedoch seit Jahren. Das BBNJ-Abkommen führt keine unmittelbaren Verbote ein, schafft aber einen neuen Genehmigungsrahmen: Aktivitäten, die erhebliche Auswirkungen auf die marine Biodiversität haben könnten, müssen künftig geprüft und von der Staatengemeinschaft genehmigt werden.
Zusammenarbeit mit Partnern in Afrika, Südamerika und Asien
Deutschland arbeitet bereits jetzt gemeinsam mit Brasilien, Chile, Ecuador, Indonesien, Mikronesien und Senegal an Vorschlägen für erste Meeresschutzgebiete auf der Hohen See. Die Ausweisung wird voraussichtlich erst bei späteren Konferenzen beginnen. Schneider betonte die Dringlichkeit: "Plastikmüll, Überfischung, Chemikalien und Klimawandel belasten die Meere weltweit. Umso wichtiger ist es, Rückzugsräume zu schaffen, in denen sich die Meeresnatur wieder erholen kann."
Die Bundesregierung hat alle Voraussetzungen für die Umsetzung des Abkommens auf nationaler Ebene geschaffen. Das Hochseeschutzgesetz regelt, dass deutsche Organisationen und Personen, darunter Schiffe unter deutscher Flagge oder deutsche Hochseeforscherinnen, sich an die Regeln des UN-Abkommens halten müssen.
30-Prozent-Ziel bis 2030: Welche Meeresflächen kommen in Frage?
Das Abkommen wird einen entscheidenden Beitrag zum globalen Versprechen leisten, bis 2030 insgesamt 30 Prozent aller globalen Meeresgebiete unter Schutz zu stellen. Für die Baustoffbranche ist diese Entwicklung in zweierlei Hinsicht relevant:
- Rohstoff-Lieferketten: Sollten künftige Schutzgebiete Zonen mit hohem Vorkommen an metallischen Rohstoffen umfassen, könnten langfristige Beschaffungsstrategien für Speziallegierungen und Epoxidharze angepasst werden müssen.
- Kreislaufwirtschaft und zirkuläres Bauen: Der Druck auf terrestrische Rohstoffquellen könnte steigen, wenn Meeresbergbau regulatorisch erschwert wird. Das stärkt Anreize für Recyclingbaustoffe und Urban Mining.
- Forschungsprojekte: Deutsche Hochseeforscher, die an der Kartierung mariner Sedimente oder der Entwicklung nachhaltiger Baustoffe aus maritimen Ressourcen arbeiten, müssen künftig Umweltverträglichkeitsprüfungen durchlaufen.
Nächste Schritte: Ozean-COP und Auswahl des Sekretariats
Bei der Ozean-COP im Januar 2027 wählen die Vertragsparteien den Sitz des BBNJ-Sekretariats, um den sich Chile, Belgien und China bewerben. Zudem werden die Arbeitsgruppen, darunter wissenschaftliche Gremien, eingesetzt. Die Ausweisung von Meeresschutzgebieten wird voraussichtlich erst bei späteren Konferenzen beginnen. Deutschland arbeitet bereits jetzt mit Partnern in Afrika, Südamerika und Asien an Vorschlägen für erste Schutzgebiete, "damit es dann so schnell wie möglich geht", wie das Bundesumweltministerium mitteilt.
Einordnung: Regulatorischer Wendepunkt oder symbolische Geste?
Das BBNJ-Abkommen markiert einen Wendepunkt in der internationalen Meerespolitik. Bundesumweltminister Schneider nannte es "den größten internationalen umweltpolitischen Erfolg der letzten Jahre" und betonte: "Das Abkommen beweist, dass auch in konfrontativen Zeiten das Prinzip der Zusammenarbeit international immer noch auf große Zustimmung stößt."
Für die Baustoffbranche bleibt die zentrale Frage, wie rasch konkrete Schutzgebiete kommen und wer bestimmt, wo sie entstehen. Solange die Ozean-COP keine klaren Kartierungen vorlegt, bleiben die Auswirkungen auf Rohstofflieferketten spekulativ. Klar ist jedoch: Die Hälfte der Erdoberfläche steht nun unter einem neuen Regelwerk, das erstmals einheitliche Umweltstandards für die Hohe See festlegt. In einer Branche, die zunehmend auf Umweltproduktdeklarationen (EPD) und Lieferkettentransparenz setzt, wird dieser regulatorische Rahmen mittel- bis langfristig in Nachhaltigkeitsstrategien einfließen müssen.
Die nächsten Monate werden zeigen, ob das Abkommen rasch in konkrete Schutzgebiete mündet oder ob es Jahre dauert, bis die Ausweisung beginnt. Für Hersteller von Bauchemie und mineralischen Baustoffen empfiehlt sich eine Beobachtung der Ozean-COP im Januar 2027 – insbesondere der Diskussionen um wissenschaftliche Gremien und erste Gebietsvorschläge. Die Erfahrung mit terrestrischen Schutzgebieten zeigt: Wenn Flächen unter Schutz gestellt werden, verändert sich die Rohstoffgewinnung dauerhaft.

