Der österreichische Markt für Verbundstoffe durchläuft eine Phase struktureller Neuausrichtung. Während die Nachfrage im Neubau weiter schwächelt – die heimische Baustoffindustrie fordert seit Monaten staatliche Impulse gegen die anhaltende Wohnbaukrise – verschieben sich Produktentwicklung und Normungsarbeit auf zwei Kernfelder: Kreislaufwirtschaft und Brandschutz. Beide Trends sind nicht zufällig dominant, sondern direkte Folge verschärfter EU- und nationaler Regulierung.

Kreislaufwirtschaft: Von der Ambition zur Pflicht

Mit Inkrafttreten der EU-Bauprodukteverordnung (CPR) und den angekündigten Verschärfungen der Abfallrahmenrichtlinie steigt der Druck auf Verbundstoff-Hersteller, Recyclingfähigkeit nachzuweisen. Mineralwolle – ein klassischer Fall schwertrennbarer Verbundkonstruktionen – gilt als Testfall. Knauf Insulation hat mit der ersten österreichischen Recyclinganlage für Mineralwolle im Werk St. Margarethen eine Antwort geliefert. Die Anlage verarbeitet Produktionsreste und Rückbau-Material zu neuer Dämmung – ein Schritt, der die bisherige lineare Logik von Verbundstoffen durchbricht.

Die Bedeutung liegt im Detail: Mineralwolle aus Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) ist in der Praxis nur selten sortenrein rückbaubar. Kleber, Putz, Armierungsgewebe und Dämmstoff bilden einen schwer zu trennenden Komplex. Knauf adressiert das Problem durch Rücknahme-Logistik und thermische Aufbereitung – Verfahren, die bislang nur punktuell erprobt waren. Damit reagiert der Konzern auf die wachsende Nachfrage nach EPDs (Environmental Product Declarations), die Recyclinganteile künftig verpflichtend ausweisen müssen.

Ein ähnlicher Wandel zeichnet sich bei Holzverbundstoffen ab. CLT (Cross-Laminated Timber) und andere Mehrschichtplatten sind zwar CO₂-Speicher, aber nur begrenzt recycelbar, sobald Beschichtungen, Klebstoffe oder mineralische Deckschichten ins Spiel kommen. Pilotprojekte im mehrgeschossigen Holzbau – wie sie in Niederösterreich entstehen – setzen zunehmend auf mechanisch lösbare Verbindungen statt dauerhafter Verklebung, um zirkuläres Bauen zu ermöglichen.

Brandschutz: Normverschärfung als Markttreiber

Parallel zur Kreislaufwirtschafts-Debatte verschärft sich die Brandschutz-Regulierung. Die OIB-Richtlinie 2 (Österreichisches Institut für Bautechnik) wurde 2023 novelliert und fordert für mehrgeschossige Gebäude ab bestimmten Gebäudeklassen erhöhte Nachweise – insbesondere bei brennbaren Dämmstoffen und Holz-Hybrid-Konstruktionen. Knauf Insulation reagierte mit der Einführung zertifizierter Fireboard-Systeme, die speziell für den Holzhochhaus-Bau konzipiert wurden. Diese nicht brennbaren Platten aus Steinwolle erfüllen die Anforderungen der Brandklasse A1 und sind für Wand-, Decken- und Dachkonstruktionen zugelassen.

Die Verschärfung trifft vor allem Hersteller organischer Dämmstoffe wie EPS oder Holzfaserdämmung, die in mehrgeschossigen Bauten künftig nur noch mit zusätzlichen Brandschutzmaßnahmen einsetzbar sind. Das eröffnet Steinwolle-Produzenten wie ROCKWOOL oder ISOVER (Saint-Gobain) neue Marktanteile, insbesondere im urbanen Geschosswohnungsbau.

Regulatorik als Innovationstreiber – und Risiko

Die parallele Verschärfung von Kreislaufwirtschafts- und Brandschutz-Anforderungen stellt Verbundstoff-Hersteller vor ein Dilemma: Recyclingfähigkeit erfordert Trennbarkeit, Brandschutz hingegen oft dauerhafte Verklebung oder mineralische Deckschichten. Lösungen wie mechanisch lösbare Verbindungen oder modulare Systeme sind technisch anspruchsvoll und teuer – was in einem schrumpfenden Neubaumarkt zum Problem wird.

Österreichs Baustoffindustrie hat wiederholt auf die Belastung durch Mehrfachregulierung hingewiesen. In einem aktuellen Positionspapier kritisiert der Branchenverband die geplante Bodenschutzpolitik als zusätzliche Investitionsbremse. Die Forderung: klare Übergangsfristen und Förderprogramme für kreislaufwirtschaftliche Produktionsumstellungen.

Ausblick: Zertifizierung wird zum Wettbewerbsfaktor

Der österreichische Verbundstoff-Markt wird sich in den kommenden 18 Monaten weiter polarisieren. Hersteller mit zertifizierten, kreislauffähigen Systemen und Brandschutznachweisen gewinnen Marktanteile – vor allem im öffentlichen Bau, wo DGNB- oder klimaaktiv-Zertifizierungen zunehmend Ausschreibungskriterium sind. Anbieter ohne diese Nachweise werden sich auf den schrumpfenden Sanierungsmarkt zurückziehen müssen.

Entscheidend wird, ob die angekündigten Förderprogramme des Bundes – etwa für thermische Sanierung nach dem GEG-Äquivalent in Österreich – tatsächlich kommen. Ohne Nachfragestimulus droht der Innovationsdruck ins Leere zu laufen. Die nächsten regulatorischen Meilensteine: die finale Fassung der EU-Bauprodukteverordnung (erwartet Q4 2026) und die nationale Umsetzung der Abfallrahmenrichtlinie (Frist: Ende 2027). Beide werden die technischen Anforderungen an Recyclingbaustoffe weiter konkretisieren – und den Druck auf Verbundstoff-Hersteller erhöhen, Trennbarkeit und Brandschutz nicht länger als Gegensätze zu behandeln.