Der österreichische Fachverband Steine-Keramik hat ein Positionspapier zur Flächeninanspruchnahme veröffentlicht – hinter dem sachlichen Titel verbirgt sich ein handfester Interessenskonflikt. Die Branche, die auf Steinbrüche, Kiesgruben und Deponien angewiesen ist, positioniert sich gegen verschärfte Bodenverbrauchsregeln, während Österreich zu den EU-Spitzenreitern beim Flächenverbrauch zählt. Das Papier ist ein klares Lobbysignal in einer Phase, in der europäische und nationale Bodenschutzstrategien konkrete Beschränkungen vorbereiten.
Flächenverbrauch und Rohstoffversorgung: Das Dilemma der Baustoffindustrie
Die Herstellung von Ziegel, Beton und Naturstein ist unmittelbar an die Verfügbarkeit mineralischer Rohstoffe gebunden. Steinbrüche und Kiesgruben benötigen große Flächen, die nach Abbau oft schwer rückbaubar oder ökologisch wiederherstellbar sind. Gleichzeitig steigt der Druck auf die Industrie, den Flächenverbrauch zu begrenzen: Die EU-Kommission verfolgt mit der Bodenschutzstrategie das Ziel, bis 2050 netto null zusätzliche Flächeninanspruchnahme zu erreichen. Österreich liegt beim Bodenverbrauch im EU-Vergleich an der Spitze – ein Umstand, der die nationale Debatte anheizt.
Das Positionspapier des Fachverbands Steine-Keramik argumentiert gegen politische Maßnahmen, die die Neuinanspruchnahme von Flächen für die Rohstoffgewinnung einschränken könnten. Die Branche fürchtet Versorgungsengpässe und steigende Importabhängigkeit. Doch die Argumentation greift die regulatorische Realität nur selektiv auf: Die EU-Taxonomie für nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten und die bevorstehende Verschärfung nationaler Raumordnungsgesetze verlangen von der Baustoffindustrie nachweisbare Fortschritte in Richtung Kreislaufwirtschaft und Flächenrecycling.
Regulatorische Treiber: EU-Bodenschutzstrategie und nationale Raumordnung
Die EU-Bodenschutzstrategie fordert von den Mitgliedstaaten konkrete Reduktionsziele beim Flächenverbrauch. In Deutschland ist das Ziel, bis 2030 den Netto-Flächenverbrauch auf unter 30 Hektar pro Tag zu senken – Österreich steht unter ähnlichem Druck. Die politische Debatte kreist um Instrumente wie handelbare Flächenzertifikate, Rückbauverpflichtungen und verschärfte Genehmigungsverfahren für die Rohstoffgewinnung.
Für die Steine-Keramik-Branche bedeutet das: Künftig wird nicht mehr nur die stoffliche Qualität des Produkts bewertet, sondern auch der räumliche Fußabdruck der Gewinnung. Die EPD-Pflicht für Bauprodukte erfasst bislang primär CO₂-Emissionen und Energieverbrauch – eine Erweiterung um Flächeninanspruchnahme und Biodiversitätseinflüsse steht auf der Agenda der EU-Kommission.
Interessenskonflikt: Versorgungssicherheit versus Flächenschutz
Der Fachverband argumentiert, dass lokale Rohstoffgewinnung Transport- und CO₂-Emissionen reduziere. Das ist korrekt, aber nur die halbe Wahrheit: Nachhaltigkeit in der Baustoffproduktion umfasst eben auch die Frage, wie viel unversiegelte Fläche verbraucht wird und welche Ökosystemdienstleistungen verloren gehen. Die Branche steht vor der Herausforderung, beides zu belegen – oder regulatorisch unter Druck zu geraten.
Ein zentrales Argument des Positionspapiers ist die Versorgungssicherheit: Wenn heimische Steinbrüche und Kiesgruben geschlossen werden, müssten Baustoffe importiert werden – oft aus Ländern mit niedrigeren Umweltstandards. Das ist ein valides Argument, das aber die Frage aufwirft, warum die Branche nicht stärker in Recyclingbaustoffe und Urban Mining investiert. Die Recyclingquote für mineralische Baustoffe liegt in Österreich bei rund 60 Prozent – Potenzial für Steigerung ist vorhanden, wenn regulatorische Anreize gesetzt werden.
Fehlende Innovationsstrategie: Wo bleibt die Antwort auf Circular Construction?
Das Positionspapier bleibt eine Antwort schuldig: Wie positioniert sich die Steine-Keramik-Branche gegenüber zirkulärem Bauen? Die EU-Bauprodukteverordnung wird in der nächsten Revision voraussichtlich Rezyklat-Mindestquoten für bestimmte Produktkategorien einführen. Hersteller von Ziegel und Wienerberger etwa haben bereits Pilotprojekte für keramische Rezyklate gestartet – der Fachverband hätte diese Innovationsstrategie offensiv kommunizieren können, statt sich primär gegen Restriktionen zu positionieren.
Die österreichische Baustoffindustrie ist in einer Schlüsselposition: Sie kann entweder als Blockierer wahrgenommen werden oder als Treiber einer Transformation, die Versorgungssicherheit mit Flächenschonung verbindet. Das Positionspapier wählt den defensiven Weg – und riskiert damit, in der öffentlichen Debatte als Lobbyist für den Status quo zu gelten.
Kontext: Österreich im EU-Vergleich beim Bodenverbrauch
Österreich versiegelt pro Kopf mehr Fläche als Deutschland oder die Schweiz. Die Ursachen sind vielfältig: Siedlungsdruck, Infrastrukturausbau, Gewerbegebiete – und die Rohstoffgewinnung für die Baustoffindustrie. Die politische Debatte wird schärfer: Landesraumordnungsgesetze in Salzburg und der Steiermark sehen bereits Obergrenzen für die Neuinanspruchnahme vor. Die Branche reagiert mit dem Positionspapier auf diese Entwicklung – aber ohne konstruktiven Gegenentwurf.
Ein Vergleich mit der deutschen Baustoffindustrie zeigt: Dort hat der Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden (bbs) frühzeitig eine Strategie für Flächenrecycling und temporäre Flächennutzung entwickelt. Steinbrüche werden nach Abbau in Naturschutzflächen oder Wasserspeicher umgewandelt – ein Ansatz, der regulatorisch honoriert wird. In Österreich fehlt eine vergleichbare Offensive.
Fazit: Lobbyarbeit ohne Innovationsnarrativ
Das Positionspapier des Fachverbands Steine-Keramik ist ein klares Signal: Die Branche will nicht auf Fläche verzichten. Doch die regulatorische Entwicklung in der EU lässt wenig Spielraum für Blockadehaltung. Die Frage ist nicht, ob die Baustoffindustrie ihren Flächenverbrauch reduzieren muss – sondern wie. Ohne eine glaubwürdige Strategie für Kreislaufwirtschaft, Flächenrecycling und Biodiversitätsschutz wird die Branche regulatorisch unter Druck geraten. Die nächste Verschärfung der EU-Bodenschutzstrategie ist für 2027 angekündigt – bis dahin bleibt wenig Zeit für einen Kurswechsel.
Weitere Informationen zum Thema Interessenvertretung in der Baustoffbranche: Wie die Steine-Keramik-Branche auf EU-Ebene wirklich vertreten wird.
