Eine tiefgreifende Transformation zeichnet sich auf dem Zementmarkt in der Region D-A-CH ab: Der Schweizer Konzern Holcim positioniert seine Dekarbonisierungsstrategie nicht mehr als bloße regulatorische Anforderung, sondern als echtes Differenzierungsinstrument im Wettbewerb. In einem Sektor, der für fast 8 % der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich ist, könnte dieser Ansatz die Auswahlkriterien der Planer neu definieren und einen entscheidenden Vorteil gegenüber traditionellen Akteuren wie Heidelberg Materials oder CEMEX verschaffen.

Die Strategie ruht auf drei technischen Säulen: die Entwicklung von CEM II und CEM III mit reduziertem Klinkergehalt, die verstärkte Integration von Hochofenschlacke und Flugasche sowie Investitionen in Technologien zur CO₂-Abscheidung und -Speicherung (CCS). Holcim kündigt an, bis 2030 den CO₂-Fußabdruck seiner Bindemittel um 30 % gegenüber 2020 zu senken, mit aktualisierten EPD für sein gesamtes Sortiment. Diese Ausrichtung fügt sich in seine globale Dekarbonisierungsfahrtkarte ein, die bereits von Baustoffradar analysiert wurde.

Für Planer und Prescriber bedeutet diese Entwicklung eine Neubewertung der Auswahlkriterien. Betone nach DIN EN 206 mit reduziertem Klinkergehalt erfüllen die erforderlichen mechanischen Eigenschaften – Druckfestigkeitsklassen C25/30 bis C50/60 – und reduzieren gleichzeitig die Klimaauswirkungen um 20 bis 40 % je nach Zusammensetzung. Die Expositionsklassen XC, XD und XF sind weiterhin abgedeckt, vorausgesetzt, eine angepasste Bindemitteldosierung und ein Wasser-Zement-Verhältnis nach Eurocode 2.

Die Marktlage verstärkt die Relevanz dieser Strategie: Die Zementnachfrage in der Region D-A-CH bleibt schwach, mit einem geschätzten Rückgang von etwa 5 bis 8 % im Volumen 2023-2024. In diesem Kontext wandelt sich der Anstieg der ESG-Anforderungen in öffentlichen und privaten Ausschreibungen – insbesondere durch DGNB-Kriterien und Ziele der CO₂-Neutralität – die Dekarbonisierung in einen greifbaren Geschäftsvorteil um. Holcim hofft damit, einen wachsenden Anteil von Projekten mit hohen Umweltanforderungen zu gewinnen, ein Segment, das noch marginal ist, aber stark wächst.

Zu beobachten bleibt, ob diese Strategie von der gesamten Zementindustrie mitgetragen wird. Die erforderlichen Investitionen – Anpassung der Anlagen, EPD-Zertifizierung, F&E für emissionsarme Bindemittel – stellen auf Konzernebene mehrere hundert Millionen Euro dar. Die Frage des Aufpreises für Bauherren bleibt zentral: Kohlenstoffarme Formulierungen führen derzeit zu einer Prämie von 5 bis 15 % auf den Preis von Fertigbeton, eine Spanne, die nur bestimmte Marktsegmente tragen können. Die Entwicklung des europäischen CBAM und nationaler Regelungen könnte jedoch die Verallgemeinerung dieser Lösungen beschleunigen, wie Baustoffradar kürzlich in seinem Überblick über den Zementmarkt 2026 analysiert hat.