Eine finanzielle Unterstützung, die einen Wendepunkt für die Dekarbonisierung der Bauindustrie darstellen könnte: Die schwedische Stahlgruppe SSAB hat von der Europäischen Union eine Finanzierung von 20 Millionen Euro für ein neues Forschungs- und Entwicklungsprogramm zur Herstellung von Stahl ohne fossile Brennstoffe erhalten. Die Investition ist Teil der europäischen Strategie zur Unterstützung nachhaltiger Industrietechnologien und könnte erhebliche Auswirkungen auf die Versorgung mit Baustahl und Bewehrungsstahl mit niedrigen Emissionen haben.

Der europäische Zuschuss zielt darauf ab, die Entwicklung von Produktionsprozessen auf der Basis von grünem Wasserstoff zu unterstützen, der Kohle bei der direkten Reduktion von Eisenerz nach dem DRI-Verfahren ersetzt. SSAB ist einer der globalen Pioniere dieses technologischen Ansatzes: Der schwedische Hersteller entwickelt bereits in Zusammenarbeit mit LKAB und Vattenfall Pilotanlagen zur Herstellung von grünem Stahl durch Elektrolyse und Elektrolichtbogenöfen. Die EU-Finanzierung ermöglicht die Ausweitung der Forschung zu kritischen Parametern wie metallurgischer Qualität, industrieller Skalierbarkeit und Integration in bestehende Lieferketten.

Für den europäischen Bausektor ist die Verfügbarkeit von Stahl mit Nullemissionen ein entscheidender Faktor zur Erreichung der Klimaziele: Derzeit erzeugt die Herstellung von Baustahl in konventionellen Hochöfen etwa 1,9 Tonnen CO₂ pro Tonne produzierten Stahls. Mit dem Wasserstoffverfahren können die Emissionen um bis zu 95 % reduziert werden, was die Realisierung von Projekten ermöglicht, die den wachsenden Anforderungen an Umweltproduktdeklarationen (EPD) und die DGNB-Kriterien für nachhaltiges Bauen entsprechen.

Die finanzielle Unterstützung der EU ergänzt eine kürzliche Kooperationsvereinbarung zwischen SSAB und Heidelberg Materials, die darauf abzielt, Stahlschlacke als Rohstoff für Zement zu nutzen und den Materialkreislauf weiter zu schließen. Für Planer und öffentliche Auftraggeber wird die Umstellung auf Stahllieferungen mit niedrigen Emissionen mit dem Inkrafttreten des CBAM-Mechanismus immer relevanter, der ab 2026 ein Carbon-Pricing-System für Importe von kohlenstoffintensiven Materialien einführen wird.

Es bleibt abzuwarten, inwieweit es das Forschungsprogramm von SSAB schafft, die Ergebnisse in industrielle Produktionskapazitäten umzuwandeln: Analysten schätzen, dass die vollständige Umstellung der europäischen Stahlwerke Investitionen von über 100 Milliarden Euro bis 2045 erfordern wird. Die EU-Finanzierung stellt daher ein Puzzleteil in einem komplexen Mosaik dar, in dem Vorschriften, Wasserstoffinfrastruktur und Verfügbarkeit erneuerbarer Energie zusammenkommen müssen, um grünen Stahl in großem Maßstab wettbewerbsfähig zu machen.