Der Recycling- und Rohstoffkonzern SARIA hat im Februar 2023 seine Allgemeinen Einkaufsbedingungen (AEB) überarbeitet. Das achtseitige Regelwerk, das als vertragliche Grundlage für sämtliche Lieferantenbeziehungen des Unternehmens dient, dürfte nicht nur für direkte Zulieferer der SARIA-Gruppe relevant sein, sondern signalisiert eine branchenweite Entwicklung: Die verschärfte Regulatorik – insbesondere das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) – setzt Unternehmen zunehmend unter Druck, ihre Beschaffungsverträge anzupassen und Compliance-Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu managen.

Hintergrund: SARIA als Knotenpunkt in der Baustoff-Lieferkette

SARIA ist primär in der Verarbeitung tierischer Nebenprodukte und der Bioökonomie aktiv, bedient jedoch indirekt auch die Bauindustrie: Das Unternehmen stellt Fette, Öle und Proteine her, die etwa in der Bauchemie als Rohstoffe für Zusatzmittel in Beton oder Mörtel Verwendung finden. Auch in der Herstellung von Bindemitteln, Hydrophobierungsmitteln und Schmierstoffen für Beton-Fertigteilwerke spielen Fraktionen aus der SARIA-Produktion eine Rolle. Die neuen Einkaufsbedingungen betreffen daher nicht nur klassische Zulieferer, sondern auch Chemie- und Rohstoffhändler, die die Baubranche mittelbar beliefern.

Die Aktualisierung der AEB erfolgte zeitnah zum Inkrafttreten des LkSG am 1. Januar 2023, das Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitenden zur Einhaltung menschenrechtlicher und umweltbezogener Sorgfaltspflichten in der Lieferkette verpflichtet. Seit 2024 gilt das Gesetz auch für Firmen ab 1.000 Beschäftigten – und erhöht damit den Druck auf nachgeordnete Lieferanten, eigene Compliance-Strukturen aufzubauen.

Kernelemente der aktualisierten Einkaufsbedingungen

Obwohl das Dokument rechtlich technisch formuliert ist, lassen sich mehrere Stoßrichtungen identifizieren, die über SARIA hinaus für die gesamte Baustoff-Lieferkette relevant sind:

Haftungs- und Gewährleistungsverschärfung

Die AEB enthalten erweiterte Haftungsklauseln, die Lieferanten bei Mängeln, Verzug oder Rechtsverletzungen stärker in die Pflicht nehmen. Gerade in der Baustoffindustrie, wo Produkthaftung (etwa bei fehlerhaften Zusatzmitteln in Stahlbeton) zu erheblichen Folgeschäden führen kann, bedeuten solche Klauseln ein gestiegenes Risiko für Zulieferer. Unternehmen müssen ihre Versicherungsdeckungen überprüfen und gegebenenfalls aufstocken.

Compliance und Lieferkettensorgfalt

Die neuen Bedingungen fordern von Lieferanten explizit die Einhaltung geltender Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsstandards. Dies umfasst nicht nur eigene Betriebsstätten, sondern – im Sinne des LkSG – auch vorgelagerte Stufen der Lieferkette. Für Baustoffhersteller bedeutet das: Wer Rohstoffe wie Quarzsand, Kalkstein oder Eisenerz bezieht, muss deren Herkunft dokumentieren und belegen können, dass keine Zwangsarbeit oder Umweltzerstörung im Spiel war. Dies ist besonders kritisch bei Importen aus Ländern mit schwachen Governance-Strukturen.

Dokumentations- und Nachweispflichten

Die AEB verlangen von Lieferanten umfassende Dokumentationen – von Qualitätszertifikaten über EPDs (Environmental Product Declarations) bis hin zu Herkunftsnachweisen. Für kleinere Zulieferer, die bislang ohne digitale Beschaffungssysteme arbeiteten, kann dies zur administrativen Herausforderung werden. Gleichzeitig bietet es Chancen: Unternehmen, die frühzeitig in transparente Dateninfrastrukturen investieren, sichern sich Wettbewerbsvorteile in einem zunehmend regulierten Markt.

Branchenweite Bedeutung: Von SARIA zu Heidelberg Materials und Holcim

Die Entwicklung bei SARIA ist kein Einzelfall. Auch große Baustoffkonzerne wie Heidelberg Materials und Holcim verschärfen ihre Einkaufsbedingungen, getrieben von EU-Regulatorik (CSRD, EU-Taxonomie) und nationalen Gesetzen. Die EU-Bauprodukteverordnung (CPR), die derzeit überarbeitet wird, könnte künftig noch detailliertere Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftsanforderungen enthalten – und damit den Druck auf die gesamte Lieferkette weiter erhöhen.

Besonders betroffen sind Hersteller von Additiven, Bindemitteln und chemischen Hilfsstoffen, die in Zement, Beton und Dämmstoffen eingesetzt werden. Ihre Produkte sind oft komplex, die Rohstoffe global beschafft – und damit anfällig für Compliance-Risiken. Unternehmen ohne robuste Lieferketten-Governance drohen vom Markt ausgeschlossen zu werden, wenn sie den neuen AEB-Standards nicht genügen.

Rechtliche Fallstricke: Was passiert bei Verstößen?

Die aktualisierten Einkaufsbedingungen sehen bei Verstößen Sanktionsmöglichkeiten vor – von Nachbesserungsforderungen über Schadensersatzansprüche bis hin zur außerordentlichen Kündigung. Für Zulieferer bedeutet das: Ein einmaliger Vorfall – etwa die Lieferung kontaminierter Rohstoffe oder der Nachweis von Kinderarbeit in der vorgelagerten Kette – kann existenzbedrohend werden.

Gerade in der Baustoffindustrie, wo lange Lieferzeiten und Just-in-Time-Logistik die Norm sind, können solche Vertragsbrüche Kettenreaktionen auslösen. Ein Betonwerk, das auf Zusatzmittel eines sanktionierten Lieferanten angewiesen ist, muss kurzfristig Alternativen finden – in einem Markt, der ohnehin von Kapazitätsengpässen geprägt ist.

Strategische Antworten: Was Zulieferer jetzt tun sollten

Unternehmen, die mit SARIA oder vergleichbaren Konzernen zusammenarbeiten, sollten ihre Verträge und internen Prozesse überprüfen. Konkrete Schritte umfassen:

Risikoanalyse der eigenen Lieferkette: Identifikation kritischer Rohstoffe und Lieferanten, insbesondere aus Hochrisikoländern. Tools wie das Circular-Economy-Cockpit können helfen, Transparenz zu schaffen.

Aufbau interner Compliance-Strukturen: Schulung von Einkaufsteams, Implementierung von Whistleblower-Systemen, regelmäßige Audits bei Sublieferanten.

Digitalisierung der Beschaffung: Einsatz von Plattformen, die automatisiert Zertifikate, EPDs und Herkunftsnachweise verwalten und bei Bedarf Auditoren zur Verfügung stellen.

Versicherungsdeckung prüfen: Haftpflichtversicherungen sollten explizit Lieferketten-Risiken und Compliance-Verstöße abdecken.

Ausblick: LkSG als Vorbote europäischer Harmonisierung

Das deutsche LkSG ist nur der Anfang. Die EU arbeitet an einer eigenen Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), die ab 2027 weitreichendere Sorgfaltspflichten für europäische Unternehmen vorsieht. Parallel dazu verschärft die überarbeitete EU-Bauprodukteverordnung die Anforderungen an Recyclingbaustoffe und Kreislaufwirtschaft.

Für die Baustoffindustrie bedeutet das: Der regulatorische Druck wird weiter steigen. Unternehmen, die heute in Transparenz, Compliance und nachhaltige Lieferketten investieren, sichern sich nicht nur Zugang zu zahlungskräftigen Auftraggebern, sondern positionieren sich auch für künftige Marktstandards. Wer hingegen abwartet, riskiert, von verschärften Einkaufsbedingungen wie jenen von SARIA aus dem Markt gedrängt zu werden.

Die jüngsten Entwicklungen bei STEICO zeigen, dass auch mittelständische Baustoffhersteller das Thema Menschenrechte und Lieferkettentransparenz ernst nehmen müssen. Die Frage ist nicht mehr, ob Compliance-Strukturen nötig sind – sondern wie schnell Unternehmen sie implementieren können.

Quellen