Eine Umwandlung, die den deutschen Stahlsektor neu definieren könnte: Salzgitter AG, der zweitgrößte nationale Produzent von Baustahl, wird als Schlüsselkandidat beim Übergang zur emissionsarmen Produktion dargestellt. Der Weg zum grünen Stahl wirft jedoch konkrete Fragen zur technischen Machbarkeit, zu Investitionskosten und zur industriellen Wettbewerbsfähigkeit in einem europäischen Markt auf, der durch den Mechanismus CBAM unter zunehmenden regulatorischen Druck gerät.
Die traditionelle Stahlproduktion durch kohlebefeuerte Hochöfen erzeugt CO₂-Emissionen in der Größenordnung von 1,8-2,0 Tonnen pro Tonne Rohstahl. Salzgitter AG plant die schrittweise Umstellung auf das DRI-Verfahren (Direct Reduced Iron), das mit Wasserstoff betrieben wird und mit dem Schmelzen in Lichtbogenöfen kombiniert ist. Diese Technologie würde theoretisch eine Emissionsreduktion von bis zu 95% ermöglichen und die Umweltbelastung auf unter 0,1 Tonnen CO₂ pro Tonne Stahl senken, vorausgesetzt, der Wasserstoff stammt aus erneuerbaren Quellen und der Strom ist dekarbonisiert.
Die konkreten Herausforderungen des Projekts betreffen mehrere Aspekte. Auf Investitionsebene erfordert die Umgestaltung einer integrierten Stahlhütte Kapital in der Größenordnung von mehreren Milliarden Euro, mit Amortisationszeiten, die sich über 20 Jahre erstrecken. Die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff in industriellen Mengen bleibt derzeit ein kritischer Engpass: Eine einzelne Stahlhütte mittlerer Größe würde einen geschätzten jährlichen Bedarf von 50.000 bis 100.000 Tonnen H₂ haben, was der Produktion von Elektrolyseuren mit einer installierten Kapazität von mehreren Gigawatt entspricht.
Aus Sicht der Marktkonkurrenzfähigkeit weist Stahl, der über DRI-EAF hergestellt wird, derzeit Produktionskosten auf, die um 30-50% über denen von traditionellem Hochofenstahl liegen, hauptsächlich aufgrund des Preises für grünen Wasserstoff und Strom. Ohne Mechanismen der öffentlichen Unterstützung oder garantierte Preisaufschläge durch langfristige Verträge mit Auftraggeber, die bereit sind, einen Mehrpreis für emissionsarme Materialien zu zahlen, bleibt die wirtschaftliche Nachhaltigkeit unsicher. Sektoren wie der Bauwesen müssen bewerten, ob sie in ihre Ausschreibungen Liefervorgaben integrieren, die Bewehrungsstahl mit niedriger CO₂-Bilanz bevorzugen, ähnlich wie bereits bei Beton mit Umweltproduktdeklarationen (EPD) der Fall ist.
Der Übergangsprozess von Salzgitter AG ist Teil eines umfassenderen Transformationskontexts, an dem auch andere europäische Hersteller beteiligt sind, wie in den Programmen der industriellen Dekarbonisierung dokumentiert ist. Planer und Designer müssen die Entwicklung von Umweltzertifizierungen und die Verfügbarkeit von emissionsarmem Stahl überwachen und dabei die Auswirkungen auf Lieferketten und Baukosten in den kommenden Jahren berücksichtigen.