Kapillaraktive Innendämmsysteme nehmen Feuchtigkeit durch Kapillarkräfte auf, verteilen sie im Material und geben sie kontrolliert an die Raumluft ab – ohne innenliegende Dampfsperre. Diese Funktionsweise macht sie zur bevorzugten Lösung bei denkmalgeschützten Fassaden, Fachwerk und überall dort, wo eine Außendämmung nicht infrage kommt. Im Gegensatz zu dampfdichten Systemen bleibt die Konstruktion diffusionsoffen: Sie kann Schlagregen oder Baufeuchte nach innen austrocknen und puffert Feuchtespitzen aus der Raumluft ab. Das Schimmelrisiko sinkt.

Wie funktioniert kapillaraktive Innendämmung?

Das Prinzip basiert auf der Kapillarität des Dämmstoffs: Kleine Kanäle im Material nehmen auftretende Feuchtigkeit auf und transportieren sie ab. Anders als bei diffusionsbremsenden Systemen mit Dampfbremsfolie wird der Dampfdiffusionsstrom in die Konstruktion hinein nicht unterbunden, sondern bewusst erlaubt. Das Feuchteniveau bleibt dauerhaft auf einem unkritischen Maß, die Austrocknung nach innen ist problemlos möglich.

Voraussetzung: Die Dämmplatten müssen vollflächig auf den Untergrund verklebt werden, ohne Hohlraumbildung. Nur so können die Kapillarkräfte greifen. Eine Dampfsperre an der Bestandswand ist nicht zulässig – sie würde den Feuchtetransport blockieren.

Welche Materialien eignen sich?

Typische kapillaraktive Dämmstoffe sind Kalziumsilikatplatten und Holzfaserplatten. Kalziumsilikatplatten weisen eine hohe kapillare Saugfähigkeit auf, besitzen jedoch mit einem Lambda-Wert von λ = 0,065 bis 0,1 W/(mK) ein geringeres Wärmedämmvermögen als mineralische Dämmschäume. Auch diese lassen sich verwenden, sind aber im Vergleich mit Kalziumsilikat nur eingeschränkt kapillar saugfähig.

Dämmstärken liegen üblicherweise zwischen 40 und 100 mm. Der Lambda-Wert bewegt sich je nach Material im Bereich von 0,045 bis 0,065 W/(mK). Hersteller wie Xella bieten entsprechende Mineraldämmplatten an, die diffusionsoffen und kapillaraktiv arbeiten.

Wo setzen Sie kapillaraktive Innendämmung ein?

Typische Anwendungsfälle sind:

  • Denkmalgeschützte Gebäude, bei denen die Fassade erhalten bleiben muss
  • Fachwerkkonstruktionen mit sichtbarem Gefach
  • Gebäude mit erhöhter Schlagregenbelastung oder Baufeuchte
  • Bestandswände, die nach innen austrocknen müssen

In all diesen Fällen bietet die diffusionsoffene Bauweise einen entscheidenden Vorteil gegenüber dampfdichten Kunststoffschäumen oder Mineralwolle mit Dampfbremsfolie: Die Konstruktion bleibt atmungsaktiv, Feuchtespitzen werden gepuffert, das Schimmelrisiko sinkt.

Worauf müssen Sie bei der Verarbeitung achten?

Der Erfolg einer kapillaraktiven Innendämmung steht und fällt mit der fachgerechten Detailplanung. Folgende Punkte sind kritisch:

  • Untergrund vorbereiten: Schadstellen im Mauerwerk mit Füllmörtel schließen, Wandfläche gegebenenfalls mit Ausgleichsputz planieren. Die Oberfläche muss eben und tragfähig sein.
  • Vollflächig verkleben: Leichtmörtel auf die Mineraldämmplatte auftragen, ansetzen, andrücken. Hohlräume verhindern den kapillaren Feuchtetransport und führen zu Kondensatbildung.
  • Dampfsperre vermeiden: Keine zusätzliche Dampfbremse an der Bestandswand einbauen. Sie würde die Austrocknung nach innen blockieren.
  • Anschlüsse sauber ausführen: Fenster, Holzbalkendecken, Installationsebenen erfordern sorgfältige Detailplanung. Wärmebrücken und Feuchteansammlungen an Bauteilanschlüssen vermeiden.

Praxis-Take-away: Wann lohnt sich kapillaraktive Innendämmung?

Kapillaraktive Innendämmsysteme sind die erste Wahl, wenn Sie eine diffusionsoffene Konstruktion benötigen – etwa bei Denkmalschutz oder Fachwerk. Sie regulieren Feuchtigkeit aktiv, statt sie auszusperren. Das senkt das Schimmelrisiko und erlaubt die Austrocknung nach innen. Voraussetzung: fachgerechte Detailplanung, vollflächige Verklebung, keine Dampfsperre. Für Wohngebäude, die eine energetische Sanierung bei erhaltenswerten Fassaden erfordern, ist das System eine wirtschaftliche und bauphysikalisch sichere Lösung.

Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Projekt für kapillaraktive Innendämmung geeignet ist: Lassen Sie die Bestandskonstruktion bauphysikalisch bewerten – insbesondere bei erhöhter Schlagregenbelastung oder unbekannter Baufeuchte. Mehr zu den physikalischen Grundlagen finden Sie in unserem Beitrag Wie Wärmeleitfähigkeit die Dämmleistung bestimmt.