Biozide in Fassadenputz und Fassadenfarbe sollen verhindern, was langfristig kaum aufzuhalten ist: die Verfärbung durch Mikroorganismen wie Grünalgen, Schwarzschimmel, Moose oder Flechten. Für die Funktion der Fassade spielt dieser Bewuchs keine Rolle – optisch wird er aber oft als Mangel empfunden. Juristisch betrachtet ist Algen- oder Pilzbefall allerdings kein Mangel. Doch die Zusatzstoffe, die das verhindern sollen, haben ihren Preis: Sie wirken nur, wenn sie wasserlöslich sind, werden mit der Zeit ausgewaschen und lassen sich in Wasser und Boden nachweisen.

Wie kommen Biozide in die Umwelt?

Biozide werden in Bauchemie-Produkten zur Filmkonservierung eingesetzt, also um die Beschichtung selbst vor mikrobiellem Befall zu schützen. Damit sie gegen Bewuchs wirken, müssen sie an der Oberfläche wasserlöslich sein – genau das führt zur kontinuierlichen Auswaschung durch Regen. Für die Schweiz schätzt man, dass von jährlich verbrauchten 7.400 Tonnen Bioziden rund 25 Prozent als Schutzmittel für Baumaterialien verwendet werden. Die Wiener Umweltanwaltschaft hat mehrere Wirkstoffe bewerten lassen und kommt zu einem klaren Befund: Alle acht untersuchten Substanzen sind als langfristig gewässergefährdend eingestuft, keines ist leicht biologisch abbaubar.

Besonders problematisch sind zwei Wirkstoffe mit den Kurzbezeichnungen OIT und DCOIT, die eine extrem hohe Giftigkeit gegenüber Wasserlebewesen zeigen. Carbendazim ist nachgewiesenermaßen mutagen und gefährdet die Fortpflanzung, bei Isoproturon und Diuron wird eine krebserregende Wirkung vermutet. Vier Stoffe – OIT, IPBC, DCOIT und Terbutryn – sind hautsensibilisierend und können Allergien auslösen. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie fordert, den Eintrag von Isoproturon, Diuron und Terbutryn in Gewässer schrittweise zu reduzieren.

Wann sollten Sie auf Biozide verzichten?

Mikroorganismen siedeln sich überall dort an, wo sich Kondenswasser an der Fassade bilden kann. Das ist kein konstruktiver Fehler, sondern eine physikalische Gegebenheit – besonders an Außendämmungen, die Wärme speichern und nachts stark abkühlen. Die Verfärbungen sind rein optischer Natur. Sie haben drei Optionen:

  • Fassadengestaltung überdenken: Dunkle Farben und dickschichtige Putze verringern die Kondensatbildung.
  • Mineralische Putze ohne Biozide: Silikat- oder Kalkputze kommen ohne Filmkonservierung aus, brauchen aber ebenfalls keine Zusätze gegen Bewuchs, wenn die Konstruktion stimmt.
  • Dickputz statt Dünnputz: Mehr Putzdicke oder Dämmstoffe mit höherer Speicherwirksamkeit reduzieren Tauwasser an der Oberfläche.

Was passiert bei Fassadenreinigung mit Bioziden?

Einige Betriebe setzen biozidhaltige Waschmittel ein, um verfärbte Fassaden wieder hell zu bekommen. Wenn das Waschwasser nicht aufgefangen wird, können Konzentrationen von Stoffen im Boden stark ansteigen, die für andere Anwendungen längst verboten sind. Biozide werden auch in wurzelfesten Dachbahnen oder zur Topfkonservierung verwendet – letztere soll verhindern, dass das Produkt im Gebinde verdirbt, nicht an der Fassade.

Sind mikroverkapselte Biozide eine Lösung?

Seit 2001 werden Biozide gegen Algen und Pilze in Fassadenbeschichtungen auch verkapselt eingesetzt. Die Verkapselung soll die hohe Auswaschung an neuen Fassaden reduzieren. Doch auch mikroverkapselte Biozide werden irgendwann ausgewaschen – die Wirkung ist zeitlich begrenzt, die Umweltbelastung bleibt.

Rechtlicher Rahmen in Europa

Für Biozid-Produkte gilt die Europäische Biozid-Verordnung Nr. 528/2012, die das Inverkehrbringen und die Verwendung regelt. Hersteller müssen Biozid-Produkte zulassen lassen und eine Zusammenfassung der Produkteigenschaften (SPC) erstellen, in der die zugelassenen Verwendungen und die Verwenderschaft benannt sind. In Deutschland wurde die Gefahrstoffverordnung zum 1. Oktober 2021 an die Biozid-Verordnung angepasst. Dabei wurden neue Anforderungen für die Verwendung von Biozid-Produkten eingeführt, darunter Fachkunde, Sachkunde und Anzeigepflicht. Die Verwenderkategorien unterscheiden zwischen breiter Öffentlichkeit, berufsmäßigem Verwender und geschultem berufsmäßigem Verwender.

Praxis-Take-away: So schützen Sie Fassaden ohne Gift

Verzichten Sie auf biozidhaltige Beschichtungen, wo immer möglich. Setzen Sie stattdessen auf konstruktive Maßnahmen: dickere Putze, dunklere Farbtöne, hochspeicherfähige Dämmstoffe. Wenn mineralische Putze zum Einsatz kommen, achten Sie auf biozidfreie Rezepturen – sowohl bei der Filmkonservierung als auch beim Bewuchsschutz. Falls Sie Fassaden reinigen, fangen Sie das Waschwasser auf. Und vor allem: Klären Sie Ihre Bauherren auf, dass Verfärbungen kein Qualitätsmangel sind, sondern ein natürliches Phänomen, das sich nicht dauerhaft verhindern lässt – erst recht nicht ohne Umweltfolgen.

Weitere Informationen zu Umweltstandards im Bauwesen finden Sie in unserem Beitrag zu Umweltzeichen für Bauprodukte sowie im Themenportal Zirkuläres Bauen.