Der österreichische Dämmstoffhersteller Austrotherm hat mit der EPS F-PLUS Flexible Radiusplatte eine EPS (Styropor)-Dämmplatte auf den Markt gebracht, die sich biegen lässt. Das Produkt richtet sich an einen bislang schwer zu bedienenden Nischenmarkt: Gebäude mit gebogenen Fassaden, Rundbögen oder geschwungenen Bauteilen. Bislang mussten Verarbeiter für solche Geometrien entweder auf teure Sonderzuschnitte zurückgreifen oder in mühsamer Handarbeit starre Dämmplatten in Segmente schneiden und verkleben. Die neue Platte verspricht Abhilfe – doch wie groß ist das Marktpotenzial wirklich, und was unterscheidet sie technisch von bestehenden Lösungen?
Warum gebogene Fassaden bislang ein Dämmungs-Problem waren
Gebäude mit Rundungen sind kein exotisches Randphänomen: Kirchen, historische Bauten, moderne Büroarchitekturen mit organischen Formen und Wohnbauten mit geschwungenen Balkonfronten stellen hohe Anforderungen an die Dämmtechnik. Herkömmliche EPS-Dämmplatten sind starr. Wer sie an eine Kurve anlegen will, muss sie entweder in schmale Streifen schneiden – was Zeit kostet und Wärmebrücken begünstigt – oder auf teurere Alternativen wie Mineralwolle-Lamellen ausweichen, die sich zwar biegen lassen, aber bei hoher Rohdichte schwerer zu verarbeiten sind und in der Regel höhere Materialkosten verursachen.
Die Austrotherm EPS F-PLUS Flexible Radiusplatte setzt auf einen anderen Ansatz: Das Material ist durch spezielle Schnittführungen auf der Rückseite vorgekerbt, sodass es sich in einem definierten Radius biegen lässt, ohne dass die Dämmleistung oder die mechanische Stabilität der Platte leidet. Austrotherm gibt an, dass sich die Platte für Radien ab einem bestimmten Mindestdurchmesser eignet – konkrete Angaben zu den technischen Grenzen liegen bislang nur in den Produktdatenblättern vor.
Technische Unterschiede zu starren EPS-Platten und Mineralwolle-Lösungen
Im Vergleich zu herkömmlichen Dämmstoffen bietet die Radiusplatte mehrere Vorteile. Der zentrale Unterschied liegt in der Vorperforation: Während Sie bei einer starren EPS-Platte selbst zur Säge greifen und die Platte in Segmente zerteilen müssen, kommt die Radiusplatte bereits verarbeitungsfertig mit definierten Sollbruchstellen. Das reduziert den Verschnitt auf der Baustelle und beschleunigt die Montage erheblich. Sie müssen nicht mehr jede Kurve einzeln anpassen, sondern legen die Platte direkt an die gebogene Fläche an.
Gegenüber Mineralwolle-Lamellen, die ebenfalls biegbar sind, hat EPS einen niedrigeren Lambda-Wert (λ) und damit eine höhere Dämmleistung pro Zentimeter Dicke. Zudem ist EPS feuchteunempfindlicher und leichter, was die Handhabung auf der Baustelle erleichtert. Allerdings erreicht Mineralwolle eine höhere Brandklasse – ein Faktor, der bei öffentlichen Gebäuden oder Hochbauten mit strengen Brandschutzauflagen entscheidend sein kann.
Wer profitiert konkret von der biegbaren Dämmplatte?
Die Zielgruppe ist klar umrissen: Verarbeiter im Wärmedämmverbundsystem (WDVS)-Bereich, die regelmäßig mit gebogenen Fassaden oder Rundbögen zu tun haben. Dazu zählen:
- Denkmalschutz und Sanierung: Historische Gebäude mit Rundbögen, Türmen oder gewölbten Fassaden lassen sich mit der Radiusplatte energetisch ertüchtigen, ohne dass die Dämmung optisch auffällt oder Wärmebrücken entstehen.
- Moderne Architektur: Bürogebäude, Museen oder Wohnbauten mit organischen Formen verlangen nach Dämmlösungen, die sich der Geometrie anpassen, ohne dass Fugen oder Übergänge sichtbar bleiben.
- Balkone und Loggien: Geschwungene Balkonbrüstungen oder Rundbögen an Loggien sind häufig Schwachstellen im Wärmeschutz – die Radiusplatte schließt diese Lücken.
Allerdings bleibt die Frage, wie groß dieser Markt tatsächlich ist. In Deutschland, Österreich und der Schweiz dominiert der Neubau von Wohngebäuden mit rechtwinkligen Grundrissen. Gebäude mit Rundungen machen nach Schätzungen deutlich weniger als zehn Prozent des jährlichen Bauvolumens aus. Für Austrotherm dürfte das Produkt daher eher eine strategische Ergänzung sein, um sich in einem spezialisierten Segment als Problemlöser zu positionieren, als ein Volumen-Treiber im Massenmarkt.
Verarbeitung in der Praxis: Was Sie beachten müssen
Die Radiusplatte lässt sich grundsätzlich wie eine herkömmliche EPS-Platte verarbeiten. Sie kleben sie mit geeignetem Dämmplattenkleber auf den Untergrund und dübeln sie zusätzlich. Der entscheidende Unterschied liegt in der Biegung: Die Platte muss gleichmäßig auf die Kurvatur aufgelegt werden, damit die Kerbungen sich öffnen und die Platte sich der Rundung anpasst. Hier sind einige Praxis-Tipps:
- Untergrundvorbereitung: Der Untergrund muss eben, tragfähig und frei von Verschmutzungen sein. Unebenheiten können dazu führen, dass die Platte sich nicht gleichmäßig anlegt und Wärmebrücken entstehen.
- Kleberauftrag: Verwenden Sie einen vollflächigen Kleberauftrag oder das Punkt-Wulst-Verfahren – je nach Herstellerangabe. Achten Sie darauf, dass der Kleber auch in den Kerbungen haftet, damit keine Hohlräume bleiben.
- Dübeln: Die Platte muss zusätzlich mechanisch befestigt werden. Achten Sie darauf, dass die Dübel nicht in den Kerbungen sitzen, sondern in den massiven Bereichen der Platte.
- Temperatur: Verarbeiten Sie die Platte nicht bei Temperaturen unter +5 °C. EPS wird bei Kälte spröde und kann brechen, wenn Sie es biegen.
Marktpotenzial und Wettbewerb: Wie einzigartig ist die Lösung?
Die Radiusplatte ist nicht das erste Produkt, das sich an gebogene Fassaden richtet. Anbieter wie Sto SE oder ISOVER (Saint-Gobain) haben ebenfalls Lösungen für Rundungen im Portfolio – meist in Form von Mineralwolle-Lamellen oder speziellen Dämmsystemen mit erhöhter Flexibilität. Was Austrotherm unterscheidet, ist der Fokus auf EPS als Werkstoff: Das Material ist günstiger, leichter und in vielen Märkten bereits etabliert. Wer als Verarbeiter ohnehin mit EPS arbeitet, kann die Radiusplatte ohne Umstellung der Verarbeitungstechnik einsetzen.
Dennoch bleibt das Marktpotenzial begrenzt. Der Großteil der WDVS-Anwendungen betrifft rechtwinklige Fassaden. Für diese Fälle gibt es bereits optimierte Standard-Lösungen, die in Preis und Verfügbarkeit kaum zu schlagen sind. Die Radiusplatte adressiert eine Nische – aber eine, die bislang nur unzureichend bedient wurde. Für Verarbeiter, die regelmäßig mit Rundungen zu tun haben, dürfte das Produkt eine spürbare Arbeitserleichterung bringen. Für den breiten Markt bleibt es ein Spezialartikel.
Fazit: Praxis-Take-away für Verarbeiter
Die Austrotherm EPS F-PLUS Flexible Radiusplatte löst ein konkretes Problem auf der Baustelle: Sie spart Zeit, reduziert Verschnitt und schließt Wärmebrücken an gebogenen Fassaden. Wenn Sie regelmäßig mit historischen Gebäuden, modernen Rundbauten oder geschwungenen Balkonfronten arbeiten, sollten Sie das Produkt in Ihre Materialliste aufnehmen. Für Standard-WDVS-Anwendungen bleibt die klassische EPS-Platte die wirtschaftlichere Wahl. Das Marktpotenzial ist begrenzt, aber für die Nische, die Austrotherm bedient, ist die Lösung technisch sinnvoll und praxistauglich.
Weitere Informationen zu Dämmstoffen und Verarbeitungstipps finden Sie in unseren Artikeln zu Hartschaumträgerelementen beim Fliesenbelag und Dämmplattenklebern im Fokus.


